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NOW Kommentar: Ferdinand von Schirach, Paul Ronzheimer und die Krise der Öffentlichkeit

Von KWS, Kunst und Kultur, Kommentare10.137 Views

#NOW #Kommentar: Ferdinand von Schirach, Paul Ronzheimer und die Krise der Öffentlichkeit

#Gütersloh, 22. August 2026

Ferdinand von Schirach ist ein kluger Mann. Im Gespräch mit Paul Ronzheimer in einem #Podcast sagt er vieles, dem man zustimmen kann. #Deutschland habe #ernsthafte #Probleme, der #Staat sei zu langsam, die #Verwaltung zu schwerfällig, notwendige #Reformen würden vertagt. Vor allem aber hätten die Menschen das #Vertrauen in die #Institutionen verloren. Die Dinge müssten wieder funktionieren: die #Bahn pünktlich fahren, #Rentenprobleme, #Migrationsprobleme, #Sozialstaatsprobleme und #Steuerprobleme müssten tatsächlich gelöst werden.

Später formuliert von Schirach seine zentrale #Diagnose noch deutlicher: Die #Demokratie müsse »schneller und effektiver« werden. Sein Beispiel ist die #Bahn: Man müsse sich das Ziel setzen, dass sie in 2 Jahren wieder pünktlich fahre, und dann alles aus dem Weg räumen, was diesem Ziel entgegenstehe.

Das klingt vernünftig. Und trotzdem geht die ganze Debatte meines Erachtens am eigentlichen Problem vorbei.

Vielleicht liegt das auch daran, dass von Schirach #Jurist und #Schriftsteller ist. Er betrachtet den Staat #institutionell, #verfassungsrechtlich, #theoretisch. Aus dieser Perspektive lautet die Frage: Wie müssen wir unsere Institutionen verändern, damit sie wieder besser funktionieren?

Wer dagegen seit Jahrzehnten #Unternehmer ist – und damit meine ich ausdrücklich nicht nur #Firmeninhaber, sondern Unternehmer im ursprünglichen Sinne: #Selbstständige, #Freiberufler, #Handwerker, #Veranstalter und alle anderen, die auf eigene Verantwortung etwas »unternehmen« – erlebt eine andere #Wirklichkeit.

Die entscheidende Frage lautet dann nicht: Wie bekommen wir einen handlungsfähigeren Staat?

Sondern: Wie bekommen wir wieder eine handlungsfähige Gesellschaft?

Früher #vertraute man den #Institutionen nicht – man dachte gar nicht über sie nach

Von Schirach sagt, früher hätten die Menschen mehr #Grundvertrauen in #Politik und #Institutionen gehabt. Selbst wer Helmut Kohl nicht gewählt habe, habe ihm letztlich zugetraut, das Land zu regieren. Ich glaube, dass schon hier eine kleine, aber entscheidende Verschiebung stattfindet.

In den 1980er Jahren habe ich nicht morgens darüber nachgedacht, ob ich dem #Finanzamt, dem #Gewerbeamt, der# Bundesbahn oder irgendeiner anderen Institution »vertraue«. Diese Frage stellte sich überhaupt nicht. Man machte etwas. Wenn dafür eine Behörde benötigt wurde, ging man hin, regelte die Sache – und anschließend machte man weiter. Natürlich war auch damals nicht alles perfekt. Natürlich gab es absurde Vorschriften, schlechte Beamte und nervige Verfahren. Aber das Ganze war, jedenfalls in meiner Wahrnehmung, überwiegend #vernünftig, #praktikabel und #beherrschbar.

Die Institutionen waren #Hintergrund.

Heute sind sie #Vordergrund.

Und das ist etwas anderes als ein bloßer »Vertrauensverlust«.

Vergleiche Robert Michels.

Zwei Container und fertig

Ein Beispiel aus der Praxis ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben.

Bei #Intek #Schweißtechnik mussten Gasflaschen gelagert werden. Natürlich gab es dafür schon damals #Vorschriften. Im #Gebäude durfte nur der #Tagesbedarf stehen. Das eigentliche #Flaschenlager musste einen vorgeschriebenen Abstand zum Gebäude haben, abgeschlossen und ausreichend belüftet sein. Also kaufte Firmeninhaber Rolf Detert 2 #Überseecontainer, ließ sie in ausreichendem Abstand auf den Hof stellen und nutzte sie als Flaschenlager.

#Problem #gelöst.

Die Vorschrift hatte einen Zweck: Gasflaschen sollten sicher gelagert werden. Die Container erfüllten diesen Zweck. Feierabend.

Ich weiß nicht, ob genau diese Lösung heute noch zulässig wäre. Aber allein die Fragen, die einem inzwischen sofort durch den Kopf gehen, erzählen die ganze Geschichte:

Ist der Untergrund dafür geeignet? Sind die Container bauliche Anlagen? Brauchen sie eine Baugenehmigung? Welche Abstände gelten zum Gebäude und untereinander? Wie genau muss die Belüftung beschaffen sein? Muss sie einer DIN-Norm entsprechen? Muss irgendetwas TÜV-geprüft oder abgenommen werden? Welche Kennzeichnungen sind erforderlich? Braucht es Beleuchtung? Brandschutz? Explosionsschutz? Dokumentation? Wiederkehrende Prüfungen?

Vielleicht wäre manches davon tatsächlich notwendig und sinnvoll.

Aber genau darin liegt das Problem.

Jede einzelne Vorschrift kann vernünftig sein und ihre Summe trotzdem ein unvernünftiges System ergeben.

Niemand ist für diese Summe zuständig.

Vom #Verbot zum faktischen #Erlaubnisvorbehalt

Ein alter Satz bringt das liberale Prinzip einer freien Gesellschaft wunderbar auf den Punkt: Dem Bürger ist alles erlaubt, was nicht verboten ist. Dem Staat ist nur erlaubt, wozu er ermächtigt ist.

Auf dem Papier gilt das weiterhin.

In der Lebenswirklichkeit hat sich das Gefühl jedoch beinahe umgekehrt.

Wer heute etwas unternehmen möchte, fragt nicht mehr zuerst: »Wie mache ich das?«

Er fragt: »Darf ich das überhaupt?«

Und anschließend: Welche #Vorschriften könnte ich übersehen haben? Wen muss ich fragen? Was muss ich dokumentieren? Wer könnte mich belangen? Welche #Genehmigung brauche ich? Welche #Informationspflicht habe ich? Welche #Datenschutzregel könnte betroffen sein? Welcher #Wettbewerber könnte mich abmahnen?

Formal ist also weiterhin alles erlaubt, was nicht verboten ist.

Praktisch entsteht aber immer häufiger ein faktischer Erlaubnisvorbehalt: Bist du sicher, dass du das darfst?

Für #Unternehmertum ist das #Gift.

Denn Unternehmertum lebt von #Initiative, #Experiment, #Geschwindigkeit, #Verantwortung und gelegentlich auch davon, etwas einfach einmal auszuprobieren. Das gilt ebenso und besonders für die #Kunst.

Der #Apparat verwaltet nicht mehr nur die #Gesellschaft

Natürlich hat Deutschland nach 1970 nicht aufgehört, #Werte zu schaffen. Das wäre wirtschaftshistorischer Unsinn. Aber als bewusst überzeichnetes Denkmodell kann man eine Entwicklung erkennen: Nach 1945 musste aufgebaut werden. #Wohnungen, #Fabriken, #Straßen, #Maschinen, #Infrastruktur. Es ging bergauf, und zwar ganz konkret und materiell.

Mit zunehmendem #Wohlstand entstand zwangsläufig immer mehr #Verwaltung des Geschaffenen. #Regeln, #Ansprüche, #Standards, #Absicherungen, #Institutionen. Irgendwann verwaltet der Apparat aber nicht mehr nur die gesellschaftliche Wirklichkeit. Er beginnt, seine eigene Verwaltung zu verwalten.

#Dokumentation der Dokumentation. #Kontrolle der Kontrolle. #Evaluation der #Förderung. #Qualitätssicherung der Qualitätssicherung. Zuständigkeiten für Zuständigkeiten. Das Muster erinnert an den zwangsläufigen Kollaps von Systemen, die unter dem anankastischen Syndrom leiden.

Robert Michels beschrieb bereits vor über 100 Jahren mit seinem »Ehernen Gesetz der Oligarchie«, wie Organisationen zwangsläufig eigene Strukturen, Machtzentren und schließlich Eigeninteressen entwickeln. Dafür braucht es keine Verschwörung und keine bösen Menschen. Der Prozess läuft von allein.

Und irgendwann entsteht eine Zweck-Mittel-Umkehr: Ursprünglich wurde der Apparat geschaffen, damit die Gesellschaft funktionieren kann. Später muss die Gesellschaft zunehmend so funktionieren, dass der Apparat funktionieren kann.

Wann genau das gekippt ist, lässt sich kaum sagen. Es war wohl weniger ein #Kipppunkt als ein »#Kippnebel«. Vielleicht zwischen 2000 und 2020. Die #Corona-Zeit hat dieser Entwicklung jedenfalls noch einmal einen gewaltigen Schub gegeben.

Gütersloh liefert das #Anschauungsmaterial

Man muss für diese Entwicklung gar nicht nach #Berlin schauen. Früher gab es in Gütersloh beispielsweise den »City-Treff«. Ein riesiges #Stadtfest, bei dem gefühlt die ganze Stadt auf den Beinen war. Es wurde von engagierten Leuten organisiert. Mit grandiosen Dingen wie etwa einem Nachbau des Brandenburger Tors oder einem Bassin mit Windsurfern. Heute haben wir eine professionelle Stadtmarketingorganisation. Einen »City-Treff« dieser Größenordnung haben wir nicht mehr. Das beweist keinen ursächlichen Zusammenhang. Aber als Symbol für die Entwicklung ist es bemerkenswert.

Denn #Stadtmarketing sollte eigentlich zunächst einmal genau das sein: #Marketing.

Was ist Gütersloh? Was macht diese Stadt interessant? Welche #Geschichten gibt es hier? Welche #Kultur? Welche #Unternehmen? Welche Menschen? Welche Veranstaltungen? Wie präsentieren wir das alles nach innen – und vor allem nach außen?

Dafür müsste ein Stadtmarketing ein »Marketing-Hub« sein. Mehr dazu hier …

Innerhalb des kommunalen Apparats sogar verbindlich: #Stadthalle, #Bibliothek, kulturelle Einrichtungen und andere städtische Angebote sollten nicht jeweils in ihren eigenen Kommunikationsinseln vor sich hinwurschteln. Fachkommunikation kann selbstverständlich dezentral bleiben, aber #Marketingstrategie, #Reichweite, #Pressearbeit und #Infrastruktur gehören gebündelt.

Nach außen gilt dagegen das Gegenteil.

Ein privater #Veranstalter, ein #Unternehmen, ein #Verein oder eine #Initiative muss überhaupt nichts über das Stadtmarketing machen. Wir leben schließlich – zumindest dem Anspruch nach – in einer freien Gesellschaft.

Das Stadtmarketing sollte ihnen ein Angebot machen: Wir bündeln. Wir verstärken. Wir helfen.

Und dazu gehört nicht nur eine #Bringschuld der Akteure.

Es gibt auch eine #Holschuld des Stadtmarketings.

Raus aus dem #Büro

Ein Stadtmarketing kann nicht im Büro sitzen und darauf warten, dass ihm die Stadt per E-Mail zugeschickt wird.

Bei einem entsprechenden Team müsste ständig jemand draußen sein. In der Innenstadt, in den Stadtteilen, bei #Unternehmen, #Vereinen, #Gastronomen, #Händlern, Veranstaltern, Künstlern.

Was eröffnet dort? Was entsteht hier? Wer plant etwas Interessantes? Was könnte größer werden, wenn man die richtigen Leute miteinander verbindet?

Ein Stadtmarketing müsste ein Sensorium der Stadt sein.

Ein kleines privates #Museum beispielsweise, über das sogar mehrfach öffentlich berichtet wurde, müsste irgendwann zwangsläufig auf diesem #Radar auftauchen. Nicht weil dessen Betreiber einen Anspruch auf Werbung hätte, sondern weil ein Stadtmarketing neugierig auf die eigene Stadt sein sollte.

»Was ist das eigentlich? Können wir das irgendwo zeigen? Gehört das in unsere Kommunikation? Können wir daraus eine Geschichte machen?«

So funktionierte es übrigens früher durchaus.

Als das Gütersloher Stadtmarketing vor vielen Jahren eine neue Website benötigte, wurde die Leistung ausgeschrieben. Ich beteiligte mich am #Pitch, bekam den #Zuschlag, anschließend vereinbarten wir eine Public-Private-Partnership. Über Jahre habe ich diese Website gemacht.

So einfach kann Zusammenarbeit sein.

Die öffentliche Institution hat eine Aufgabe. Draußen gibt es jemanden, der etwas kann. Man bringt beides zusammen. Dafür braucht die Institution nicht selbst zur Webagentur zu werden.

Nicht alles selbst machen – sondern wissen, wer etwas kann

Vielleicht ist genau das die verlorengegangene #Kompetenz unserer #Institutionen. Heute reden wir mehr denn je von #Netzwerken, #Stakeholdern, #Beteiligung, #Partizipation, #Kooperation und #Kommunikation. Gleichzeitig scheint die unkomplizierte tatsächliche Zusammenarbeit immer schwieriger zu werden.

Dabei wäre das Prinzip banal: Nicht alles selbst machen. Wissen, wer etwas kann. Mit ihm reden. Ihn machen lassen. Das gilt für ein Stadtmarketing genauso wie für einen Staat. Und damit sind wir wieder bei Ferdinand von Schirach.

Seine Forderung nach einer schnelleren und effektiveren Demokratie ist nicht falsch. Im Gegenteil. Aber sie setzt meines Erachtens eine Ebene zu spät an. Wir brauchen nicht nur einen Staat, der schneller entscheidet. Wir brauchen einen Staat, der seltener entscheiden muss. Wir brauchen Institutionen, die nicht versuchen, gesellschaftliches Handeln zu ersetzen, sondern es ermöglichen. Wir brauchen nicht für jedes Problem einen neuen Prozess, eine neue Zuständigkeit, eine neue Stelle und anschließend eine Evaluation dieser Stelle. Wir brauchen wieder mehr praktische Vernunft. Und vor allem brauchen wir etwas, für das mir noch immer kein besseres Wort einfällt als »#Öffentlichkeit«.

Nicht Öffentlichkeit im engen Sinne von #Medien und öffentlicher Meinung. Sondern Öffentlichkeit als #Beziehungsebene einer #Gesellschaft: #Bürger, #Unternehmen, #Verwaltung, #Kultur, #Vereine, #Medien und #Institutionen, die miteinander reden, einander wahrnehmen und gemeinsam Dinge möglich machen.

Genau diese Öffentlichkeit steckt meines Erachtens in der Krise. Der explodierende Apparat ist dann vielleicht gar nicht die #Krankheit. Er ist das #Symptom.

Denn wo Menschen und Institutionen nicht mehr selbstverständlich miteinander handeln können, treten Verfahren an die Stelle von Beziehungen, Vorschriften an die Stelle von Ermessen und Zuständigkeiten an die Stelle von Verantwortung. Und irgendwann wundern wir uns, warum nichts mehr geht. Vielleicht müssen wir deshalb weniger darüber reden, wie wir den Apparat wieder handlungsfähig machen.

Die viel wichtigere Frage lautet: Wie machen wir die Gesellschaft wieder handlungsfähig?

KWS Lectures: Die Öffentlichkeit hat eine Öffentlichkeitskrise

Seit Jahren sprechen wir über die Krise der Innenstädte, die Krise der Medien, die Krise der Demokratie, die Krise des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Mehr …

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