Von KWS, Kunst und Kultur, Kommentare1.889 Views
#NOW #Kommentar: Die Bürger beteiligen die Verwaltung. Nicht umgekehrt.
#Gütersloh, 7. Oktober 2026
Es gab einmal eine Zeit, da war die Sache eindeutig.
#Gütersloh war ein #Dorf. Seit der Bildung des Bistums Osnabrück um das Jahr 800 gehörten der #Meierhof und das spätere #Dorf zum Amt Reckenberg. 1565 wurde Gütersloh Teil der Herrschaft Rheda. Bis 1808 übte der Graf von Bentheim Tecklenburg die #Landesherrschaft aus.
Und weil ein #Landesherr seine Untertanen irgendwie verwalten musste, gab es vor Ort einen #Vogt, 2 #Untervögte und 6 #Dorfvorsteher. Das war das vormoderne Modell. Oben war der #Landesherr. Unten waren die #Untertanen. Dazwischen saß die #Verwaltung.
Als Gütersloh wuchs, wurde 1736 eine eigene #Amtsvogtei eingerichtet. Der Ort bestand damals längst aus Hunderten Häusern. Die Menschen lebten hier, bauten Häuser, betrieben #Landwirtschaft, #Handwerk und #Handel. Und die #Obrigkeit schuf eine örtliche #Verwaltungsstruktur, um dieses #Gemeinwesen zu verwalten.
Die Richtung war eindeutig: Herrschaft – Verwaltung – Untertan.
Daran war damals auch nichts widersprüchlich. Es war schließlich keine #Demokratie.
Danach wechselten die #Herrschaften und #Verwaltungssysteme. Gütersloh kam unter französische Verwaltung, wurde Teil des Großherzogtums Berg, bekam einen »Maire«, später wurde daraus unter preußischer Herrschaft wieder ein #Bürgermeister. 1825 wurde Gütersloh zur #Stadt erhoben.
Aber erst mit der revidierten #Städteordnung änderte sich etwas Grundsätzliches. 1842 konnten die damals 237 wahlberechtigten Gütersloher erstmals ihre Stadtverordneten wählen. Die kommunale Selbstverwaltung hielt Einzug. Die Richtung begann sich umzukehren.
Und heute?
Heute leben wir in einer #Demokratie. Es gibt keinen Grafen von Bentheim Tecklenburg mehr, der einen Vogt nach Gütersloh schickt. Es gibt keine Untertanen mehr. Die Legitimation staatlichen Handelns geht vom Volk aus. Die Gemeindeordnung Nordrhein Westfalen formuliert es für die kommunale Ebene sogar bemerkenswert unmissverständlich: »Die Verwaltung der Gemeinde wird ausschließlich durch den Willen der Bürgerschaft bestimmt.«
Die Bürgerschaft wird durch Rat und Bürgermeister vertreten. Eigentlich könnte die Richtung kaum deutlicher sein: Bürger – demokratische Vertretung – Verwaltung. Und trotzdem reden wir im Jahr 2026 erstaunlich häufig wieder so, als lebten wir im alten Modell.
»Die Stadt plant.«
»Die Stadt entscheidet.«
»Die Stadt informiert ihre Bürger.«
»Die Stadt lädt die Bürger ein.«
Und, besonders beliebt: »Die Stadt beteiligt die Bürgerinnen und Bürger.«
Moment.
Wer ist denn dann eigentlich diese »Stadt«?
Offenbar nicht ihre #Bürger. Denn die stehen in diesem Satz bereits »außerhalb« »der Stadt«. Hier ist »die Stadt«, dort sind »die Bürger«. Die eine Seite handelt, die andere wird beteiligt. Ausgerechnet unsere Sprache stellt damit häufig wieder jene Richtung her, die wir politisch und verfassungsrechtlich längst überwunden haben. Oben befindet sich eine institutionelle »Stadt«. Unten befindet sich die Bevölkerung. Und wenn die institutionelle Stadt es für sinnvoll hält, darf die Bevölkerung Anregungen einreichen, an Workshops teilnehmen, Punkte auf Stellwände kleben und ihre Wünsche äußern.
Drehen wir das einmal um.
Verwaltungsbeteiligung in Gütersloh
Die Gütersloherinnen und Gütersloher beabsichtigen, ihre Innenstadt in den kommenden Jahren weiterzuentwickeln. Die #Stadtverwaltung soll dabei frühzeitig beteiligt werden. In mehreren Beteiligungsformaten erhalten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Rathauses Gelegenheit, ihre Wünsche, Anregungen und fachlichen Hinweise einzubringen.
Die Verwaltung ist herzlich eingeladen, sich konstruktiv an dem Prozess zu beteiligen.
Die eingegangenen Stellungnahmen werden anschließend von der Stadtgesellschaft geprüft und nach Möglichkeit in das weitere Verfahren einbezogen.
Klingt komisch.
Aber warum?
Natürlich ist das keine Beschreibung des tatsächlichen kommunalen Entscheidungsverfahrens. Rat und Bürgermeister haben gesetzlich bestimmte Kompetenzen, die Verwaltung erfüllt gesetzliche Aufgaben, und selbstverständlich können 100.000 Einwohner nicht per Zuruf über jeden Bebauungsplan, jede Ampel und jeden Gebührenbescheid entscheiden.
Darum geht es nicht.
Es geht darum, wer in unserem Bild von Stadt das Subjekt ist.
Eine Stadt ist nicht ihr #Rathaus.
Eine Stadt ist nicht ihre #Verwaltung.
Eine Stadt besteht aus Menschen. Aus Bürgern, Unternehmen, Vereinen, Initiativen, Stiftungen, Kulturschaffenden, Kirchen, Medien und zahllosen anderen Akteuren. Aus Citizens und Corporate Citizens. Sie leben hier, arbeiten hier, gründen #Unternehmen, schaffen #Arbeitsplätze, organisieren #Veranstaltungen, bauen #Häuser, eröffnen #Geschäfte, schaffen #Kultur, helfen anderen Menschen und verändern damit jeden Tag das #Gemeinwesen.
Die Verwaltung gehört dazu. Sie ist notwendig. Sie verfügt über Fachwissen, sorgt für Kontinuität, vollzieht Gesetze und organisiert gemeinsame Angelegenheiten.
Aber sie ist nicht mit dem Gemeinwesen identisch.
Vielleicht ist deshalb die scheinbar harmlose sprachliche Gleichsetzung von »Stadt« und »Stadtverwaltung« gar nicht so harmlos. Denn Sprache erzeugt Vorstellungen. Wenn die Verwaltung immer »die Stadt« ist, werden alle anderen irgendwann zu ihrem Umfeld: #Einwohner, #Antragsteller, #Gewerbetreibende, #Veranstalter, #Interessengruppen, #Betroffene, #Stakeholder.
Menschen, die von »der Stadt« informiert, angehört und beteiligt werden.
Damit kehrt durch die Hintertür ein erstaunlich altes Bild zurück: die Verwaltung als #Obrigkeit und die #Bevölkerung als deren #Adressat. Nur dass wir den #Vogt inzwischen durch #Fachbereiche, #Dezernate, #Beteiligungsverfahren und Powerpoint Präsentationen ersetzt haben.
Das Problem ist nicht die Existenz einer starken und professionellen Verwaltung. Eine moderne Stadt braucht sie. Das Problem beginnt dort, wo vergessen wird, woher ihre Legitimation kommt und wem sie dient. 1736 war die Sache eindeutig: Der Vogt vertrat den Landesherrn gegenüber dessen Untertanen. 2026 sollte sie ebenso eindeutig sein: Die Verwaltung vertritt nicht die Obrigkeit gegenüber den Güterslohern. Sie ist Teil eines demokratischen Gemeinwesens, dessen Ausgangspunkt die Bürgerschaft ist.
Vielleicht sollten wir deshalb gelegentlich eine Pressemitteilung aus dem Rathaus nehmen und einfach die Perspektive umdrehen. Nur für einen Moment. Die Gütersloher entwickeln ihre Stadt. Die Verwaltung wird selbstverständlich beteiligt. Klingt ungewohnt. Vielleicht sollten wir uns daran gewöhnen. Die Bürger beteiligen die Verwaltung. Nicht umgekehrt.
#NOW #N #KWS #ROSA #OWL #GT #GGC #GOGREENCHALLENGE #VISITGÜTERSLOH #VISITGT #NIEWIEDERISTJETZT #MARIECHENMARKT
