Von KWS, Karla-Wagner-Stiftung, KWS Democracy3.727 Views
#KWS #Democracy: Was wir aus der Geschichte lernen sollten
#Gütersloh, 3. Oktober 2026
Es gehört zu den zuverlässigsten Sätzen jeder historischen Rückschau: »Wir müssen aus der Geschichte lernen«.
Nur: Was eigentlich?
Dass #Krieg schrecklich ist? Dass Menschen im Krieg #sterben, #verstümmelt werden, ihre #Häuser verlieren, #hungern und #fliehen müssen? Das wusste die #Menschheit schon lange vor #Verdun, #Auschwitz, #Hiroshima oder #Srebrenica. Es hat sie nicht daran gehindert, immer wieder Kriege zu führen.
»Krieg ist barbarisch« ist deshalb weniger eine historische Erkenntnis als eine moralische Selbstverständlichkeit. Interessanter wäre die Frage, welche Mechanismen Gesellschaften immer wieder dorthin führen.
Einer davon ist erstaunlich alt: der #Sündenbock.
Das #Problem bekommt ein #Gesicht
#Gesellschaften, #Organisationen und #Gruppen haben Probleme. Manche davon sind kompliziert. Interessen widersprechen sich, Ressourcen sind knapp, Institutionen funktionieren schlecht, Menschen konkurrieren miteinander, Entwicklungen haben viele Ursachen gleichzeitig. Das alles ist schwer auszuhalten. Sehr viel einfacher ist eine andere Erklärung: Da ist jemand schuld.
Plötzlich bekommt das diffuse Problem ein Gesicht. Aus Komplexität wird Eindeutigkeit. Nicht mehr Strukturen, widersprüchliche Interessen oder eigene Fehler müssen untersucht werden. Das Problem befindet sich außerhalb von uns. Und damit erscheint auch die Lösung plötzlich einfach: Der Schuldige muss weg. Genau darin liegt die ungeheure Attraktivität des Sündenbocks.
Der Sündenbock funktioniert nämlich durchaus. Nur anders, als man zunächst denkt. Er funktioniert hervorragend als Mittel zur Herstellung von Gemeinschaft. Menschen, die sich gestern noch untereinander gestritten haben, können sich heute wunderbar darin einig sein, gegen wen sie gemeinsam sind. Der Sündenbock reduziert #Komplexität. Er kanalisiert #Aggression. Er schafft #Gemeinsamkeit. Er liefert eine #Erklärung. Was er meistens nicht tut, ist das eigentliche Problem zu lösen.
Denn wenn die Ursachen des Problems fortbestehen, verschwinden sie nicht dadurch, dass der vermeintlich Schuldige beseitigt wurde. Dann braucht man irgendwann einen neuen Schuldigen. Das ist vielleicht eine der tatsächlich brauchbaren Lehren der Geschichte: Misstraue jeder Erklärung, nach der ein komplexes Problem verschwinden würde, wenn nur die richtigen Menschen verschwänden.
Aber was machen wir mit dem Konflikt?
Nun könnte man sagen: Dann müssen wir eben auf Sündenböcke verzichten. So einfach ist es möglicherweise nicht. Denn damit verschwinden die Bedürfnisse nicht, die den #Sündenbockmechanismus attraktiv machen. Gruppen brauchen Möglichkeiten, Spannungen auszutragen. Sie brauchen #Kritik. Sie brauchen #Widerspruch. Manchmal brauchen sie sogar #Provokation. Vielleicht besteht der Fortschritt deshalb nicht darin, diese Funktion abzuschaffen. Vielleicht müssen wir sie zivilisieren.
Dafür gibt es erstaunlich viele historische und moderne Modelle.
Der #Hofnarr durfte Dinge sagen, die andere am Hof besser nicht sagten. Der #Heyoka konnte durch #Umkehrung und #Regelbruch gesellschaftliche Gewissheiten irritieren. Der advocatus diaboli hatte ausdrücklich die Aufgabe, die Gegenposition einzunehmen. Moderne Organisationen arbeiten mit Red Teams, deren Aufgabe gerade darin besteht, Annahmen anzugreifen, Schwachstellen zu finden und Gewissheiten infrage zu stellen.
Der entscheidende Unterschied zum Sündenbock liegt auf der Hand: Nicht der Mensch ist das Problem. Der Widerspruch ist seine Funktion. Und man kann noch einen Schritt weitergehen.
Heute bist du der #Teufelsadvokat
Stellen wir uns eine gewöhnliche Sitzung vor. Eine Entscheidung soll getroffen werden. Alle scheinen sich weitgehend einig zu sein. Bevor abgestimmt wird, heißt es: »Heute ist Frau #Müller unser Advocatus Diaboli.«
Frau Müller bekommt 10 Minuten Zeit. Ihre Aufgabe besteht darin, die geplante Entscheidung möglichst überzeugend anzugreifen. Sie soll Schwachstellen finden, Gegenargumente formulieren und unangenehme Fragen stellen. Nicht weil Frau Müller schwierig ist. Nicht weil Frau Müller »immer dagegen« ist. Sondern weil es ihre heutige Aufgabe ist. Beim nächsten Treffen übernimmt Herr Meier diese Rolle. Danach jemand anderes.
Diese #Rotation ist wichtiger, als sie zunächst erscheint. Denn wenn immer derselbe Mensch widerspricht, kann aus einer Funktion sehr schnell eine Identität werden. Zunächst heißt es: »Er hat widersprochen.« Dann: »Er widerspricht ständig.« Und irgendwann: »Der ist eben so.« Aus dem Kritiker wird der #Störenfried. Aus dem Störenfried wird der #Außenseiter. Und schon beginnt genau jener Prozess wieder, den man eigentlich verhindern wollte. Der rotierende Advocatus Diaboli durchbricht ihn.
Heute widerspreche ich dir. Morgen widersprichst du mir. Damit wird der »#Konflikt« entpersonalisiert.
Vom Sündenbock zur institutionalisierten #Abweichung
Womöglich liegt genau darin eine Form gesellschaftlichen Lernens. Der Sündenbock personalisiert den Konflikt: Mit diesem Menschen stimmt etwas nicht. Der institutionalisierte Widerspruch depersonalisiert ihn: Mit unserer Entscheidung könnte etwas nicht stimmen. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Eine reife Gesellschaft wäre dann nicht eine Gesellschaft ohne Konflikte. Eine solche Gesellschaft wird es vermutlich niemals geben.
Reife bestünde vielmehr darin, Verfahren zu entwickeln, mit denen Menschen Konflikte austragen können, ohne dafür Feinde produzieren zu müssen. Wir brauchen #Widerspruch. Wir brauchen #Opposition. Wir brauchen Menschen, die unsere Gewissheiten infrage stellen. Wir brauchen gelegentlich sogar jemanden, der uns gehörig auf die Nerven geht. Aber wir müssen daraus keinen Menschen machen, der wegmuss. Vielleicht wäre das tatsächlich etwas, das wir aus der Geschichte lernen könnten.
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