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#KWS #Lectures: Das Pogo Prinzip

Von KWS, Karla-Wagner-Stiftung, KWS Lectures3.334 Views

#KWS #Lectures: Das Pogo Prinzip

#Gütersloh, 3. Oktober 2026

Es gibt Begriffe, die irgendwann ihr ursprüngliches #Fachgebiet verlassen und zu allgemeinen #Denkwerkzeugen werden. Das Pareto Prinzip gehört dazu. Vereinfacht besagt die berühmte 80/20 Regel, dass häufig ein relativ kleiner Teil der Ursachen für einen relativ großen Teil der Wirkungen verantwortlich ist: 20 Prozent der Kunden sorgen für 80 Prozent des Umsatzes, 20 Prozent der Fehler für 80 Prozent der Probleme. Die konkreten Zahlen müssen keineswegs immer 80 und 20 lauten. Entscheidend ist die dahinterliegende Beobachtung einer ungleichen Verteilung.

Hat man das Prinzip einmal verstanden, entdeckt man es plötzlich überall.

Ähnlich verhält es sich mit Begriffen wie dem #Schmetterlingseffekt, dem Goldenen Schnitt, der Fibonacci Folge oder Murphys Gesetz. Inhaltlich haben diese Dinge wenig miteinander zu tun. Gemeinsam ist ihnen etwas anderes: Sie geben einem wiederkehrenden #Muster einen #Namen. Und ein benanntes Muster lässt sich leichter erkennen.

Das Pogo Prinzip ist ein solcher Begriff.

Was ist ein #Pogo?

Das Pogo Prinzip beschreibt einen Prozess der Selbstresonanz. Ein Zustand erzeugt Wirkungen, die auf diesen Zustand zurückwirken und ihn dadurch verstärken. Oder ganz einfach: Etwas geschieht, weil es bereits geschieht.

Das unterscheidet den Pogo von einer gewöhnlichen Ursache Wirkungs Beziehung. Wenn ein Geschäft weniger Kunden hat, weil vor seiner Tür eine Straße gesperrt wird, ist das zunächst kein Pogo. Die Ursache kommt von außen. Wenn aber wenige Kunden im Geschäft dazu führen, dass es leer und unattraktiv wirkt, deshalb noch weniger Menschen hineingehen und es dadurch noch leerer und unattraktiver wird, beginnt der Pogo.

Der #Output des Systems wird wieder zum #Input. Das System reagiert auf sich selbst. Wo etwas los ist, ist etwas los, weil etwas los ist. Besonders anschaulich lässt sich das bei Veranstaltungen beobachten. Auf einem #Platz findet ein Fest statt. Zunächst sind nur wenige Menschen da. Passanten sehen einen beinahe leeren Platz und gehen weiter. Für sie gibt es offenbar nichts zu sehen. Dann verändert sich etwas. Vielleicht beginnt ein Konzert. Vielleicht kommen gleichzeitig einige Gruppen. Plötzlich stehen dort 200 Menschen. Nun bleiben weitere Passanten stehen. Warum? Unter anderem deshalb, weil dort bereits 200 Menschen stehen. Aus 200 werden 300, aus 300 werden 500. Die Besucher sind nicht mehr ausschließlich das Ergebnis der Attraktivität der Veranstaltung. Sie werden selbst zu einem Teil ihrer Attraktivität. Menschen ziehen Menschen an.

Das ist Pogo.

Der Begriff wurde vor allem durch die #Saturn #Rakete des #Apollo Programms der #NASA geprägt. Die Rakete hatte Problem mit diesem Effekt. Im Treibstoffsystem entstand eine Selbstresonanz, die Raketen auseinanderreißen konnte. Sogar beim Flug zur ersten Mondlanung, der Apollo 11 Mission, musste wegen des Pogo Effekts eines der 5 #Triebwerke der 1. Stufe kurz nach dem Start abgeschaltet werden. Auch der berühmte »#Stau aus dem Nichts« ist wenn man so will ein Pogo. Er hat mit Strömungsdynamik zu tun. Ein Auto auf der Autobahn bremst, das dahinterfahrende Auto bremst ein wenig mehr, das setzt sich fort, bis ein Auto komplett stehenbleibt. Und auf einmal ist ein Stau aus dem Nichts heraus entstanden. Die NASA hat den Begriff vom in den USA bekannten Pogo Stick adapiert, einem Feder Hüpfstab für #Kinder.

Der Pogo hat 2 Vorzeichen

Besonders interessant wird das Prinzip, weil Selbstresonanz keineswegs nur nach oben funktioniert. Es gibt den positiven Pogo: #Attraktivität – #Aufmerksamkeit – mehr #Besucher – größere #Attraktivität – mehr Aufmerksamkeit. Und es gibt den negativen Pogo: geringe Attraktivität – weniger Besucher – sichtbare Leere – noch geringere Attraktivität – noch weniger Besucher. Man könnte, mit einem Augenzwinkern und etwas Latein, von 2 Kreisläufen sprechen: »circulus angelicus« – der Engelskreis. Und »circulus diaboli« – der #Teufelskreis. Beide beruhen auf demselben Prinzip. Nur das Vorzeichen unterscheidet sich.

Trading up und Trading down

In der #Stadtentwicklung lässt sich der Mechanismus besonders gut beobachten. Beim sogenannten Trading down verliert ein Standort attraktive Angebote. Dadurch sinkt seine Anziehungskraft. Die Frequenz nimmt ab. Für weitere attraktive Anbieter wird der Standort weniger interessant. Investitionen unterbleiben. Weitere Angebote verschwinden. Leerstände entstehen. Die Leerstände selbst verschlechtern wiederum die Wahrnehmung des Standortes.

Es wird schlechter – auch weil es schlechter geworden ist.

Der spiegelbildliche Vorgang ist Trading up. Ein attraktiver Anbieter eröffnet. Er erzeugt zusätzliche Frequenz. Die höhere Frequenz verbessert die wirtschaftlichen Bedingungen für andere Anbieter. Der Standort wird interessanter. Es wird investiert. Weitere interessante Nutzungen entstehen. Es wird besser – auch weil es besser geworden ist.

Beides sind Pogos. Das Entscheidende ist dabei das Wort selbst: #Selbstresonanz.

Die leere Gaststätte

Kaum irgendwo lässt sich der Pogo schneller beobachten als in der #Gastronomie. 2 Restaurants liegen nebeneinander. Das eine ist voll, das andere leer. Ein Mensch, der keines der beiden kennt, muss sich entscheiden. Und wohin geht er? Nicht zwangsläufig in das leere Restaurant, weil dort garantiert ein Tisch frei ist. Häufig passiert genau das Gegenteil. Die Gäste im vollen Restaurant werden als Information interpretiert: Da muss es gut sein. Und die Leere nebenan ebenfalls: Warum sitzt da eigentlich niemand?

Die Folge ist paradox. Das volle Restaurant wird voller, weil es voll ist. Das leere Restaurant bleibt leer, weil es leer ist. Die Ursache muss dabei ursprünglich überhaupt nichts mit der Qualität des Essens zu tun gehabt haben. Vielleicht kam im einen Restaurant eine Reisegruppe an. Vielleicht hatte das andere gerade erst geöffnet. Ein kleiner anfänglicher Unterschied kann durch Selbstresonanz zu einem großen Unterschied werden.

#Klopapier als #Pogo

Während der #Corona #Pandemie konnte man einen Pogo im #Supermarkt besichtigen. Menschen befürchteten, bestimmte Waren könnten knapp werden. Also kauften sie mehr davon als gewöhnlich. Dadurch wurden die Regale tatsächlich leer. Andere Menschen sahen die leeren Regale und interpretierten sie als Beleg für die #Knappheit. Also kauften auch sie mehr. Die befürchtete Knappheit erzeugte Verhalten, das Knappheit produzierte – und diese Knappheit bestätigte wiederum die ursprüngliche Befürchtung. Angst vor Knappheit – #Hamsterkäufe – #Knappheit – größere Angst vor Knappheit. Ein »circulus diaboli« in 4 Stationen.

Ähnlich funktionieren klassische Bank Runs. Die Befürchtung, eine #Bank könne nicht genügend #Liquidität besitzen, führt zu massenhaften Abhebungen. Diese Abhebungen können wiederum genau das Liquiditätsproblem verschärfen, vor dem die Kunden Angst hatten. Die Erwartung beobachtet die Wirklichkeit also nicht bloß. Sie greift in sie ein.

Pogo im #Internet

Die digitale Welt hat aus dem Pogo beinahe ein Geschäftsmodell gemacht. Ein Beitrag in den Social Media bekommt ungewöhnlich viele Reaktionen. Der #Algorithmus erkennt das Interesse und zeigt ihn weiteren Menschen. Dadurch bekommt er weitere Reaktionen. Der Algorithmus registriert wiederum das gestiegene Interesse und erhöht die Reichweite erneut. Reichweite erzeugt Reichweite.

Ähnliche Rückkopplungen können bei #Suchmaschinen entstehen, auch wenn #Ranking Systeme erheblich komplexer sind: Sichtbarkeit erleichtert es, gefunden, erwähnt und verlinkt zu werden. Diese Resonanz kann wiederum weitere Sichtbarkeit begünstigen. Auch Bekanntheit funktioniert häufig nach diesem Muster. Warum wird über einen Menschen berichtet? Weil er bekannt ist. Warum ist er bekannt? Unter anderem, weil über ihn berichtet wird. Pogo. Dazu gab es den bekannten Begriff des »It Girls«. Es ist bekannt, weil es bekannt ist.

Der Anfang kann winzig sein

Das vielleicht Interessanteste am Pogo Prinzip ist deshalb nicht die Verstärkung selbst, sondern die Frage nach dem ersten Sprung. Ein Pogo Stick springt schließlich nicht aus eigener Kraft los. Zunächst muss Energie in das System gelangen. Ein #Restaurant bekommt seine ersten Gäste. Eine Veranstaltung ihre ersten Besucher. Ein Artikel seine ersten Leser. Ein Stadtviertel seinen ersten ungewöhnlichen #Laden. Danach kann etwas passieren, das für komplexe Systeme typisch ist: Die Wirkung wird selbst zur Ursache weiterer Wirkung.

Damit erklärt sich auch, weshalb 2 anfangs beinahe identische Entwicklungen später vollkommen unterschiedlich aussehen können. Nicht unbedingt, weil die eine von Anfang an hervorragend und die andere miserabel war. Ein kleiner Vorsprung kann sich selbst verstärken. Und ein kleiner Rückstand ebenfalls.

Der Pogo #Kipppunkt

Damit kommt ein weiterer Gedanke ins Spiel: die kritische Masse. Vielleicht braucht eine Veranstaltung 300 Menschen, bevor sie sichtbar belebt wirkt. Bei 250 Besuchern entsteht kaum zusätzliche Resonanz. Bei 350 zieht die Menge plötzlich weitere Menschen an. Vielleicht braucht eine Einkaufsstraße fünf attraktive Geschäfte, damit ein sechstes dort investieren möchte. Vielleicht braucht eine Plattform eine bestimmte Zahl aktiver Nutzer, bevor ihre Nutzer selbst neue Nutzer anziehen. Dann wäre die entscheidende Frage nicht mehr: Wie erzeugen wir dauerhaft von außen mehr Wirkung? Sondern: Wie geben wir dem System genügend Anfangsenergie, damit es selbst zu springen beginnt?

Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Und der #Antipogo?

Man könnte die Begrifflichkeit sogar noch weiterführen. Der positive Pogo verstärkt eine Aufwärtsbewegung. Der negative Pogo verstärkt eine Abwärtsbewegung. Ein echter Antipogo wäre dagegen ein Mechanismus, der Selbstresonanz dämpft: Je stärker ein System ausschlägt, desto stärker wirkt eine Gegenkraft. In der Regelungstechnik wäre das eine negative Rückkopplung. Damit wird auch klar: Nicht jeder Kreislauf ist ein Pogo. Nicht jede Entwicklung ist Selbstresonanz.

Das Kriterium lautet: Wird der erreichte Zustand selbst zu einer wesentlichen Ursache seiner weiteren Entwicklung? Wenn ja, hüpft es.

Die Welt ist voller Pogos

Das Pogo Prinzip ist keine neue Naturkonstante und keine mathematische Entdeckung. Die einzelnen Mechanismen sind längst bekannt und werden je nach Fachgebiet als positive Rückkopplung, kumulativer Vorteil, Matthäus Effekt, soziale Bewährtheit, selbst erfüllende Prophezeiung, Netzwerkeffekt oder mit zahlreichen anderen Begriffen beschrieben.

Der Reiz des Pogo Begriffs liegt woanders. Er macht ein gemeinsames #Muster sichtbar. Erfolg kann Erfolg erzeugen. Misserfolg kann Misserfolg erzeugen. #Frequenz kann Frequenz erzeugen. #Leere kann Leere erzeugen. Aufmerksamkeit kann Aufmerksamkeit erzeugen. Angst kann Gründe für weitere Angst erzeugen – in der #Psychologie kein unbekanntes Phänomen.

Manchmal genügt ein kleiner Stoß von außen, damit anschließend das System selbst den Rest erledigt. Vielleicht ist das die wichtigste praktische Konsequenz des Pogo Prinzips: Wer ein festgefahrenes System verändern möchte, muss nicht zwangsläufig dauerhaft gegen dessen Zustand anarbeiten. Manchmal muss man nur herausfinden, wie viel #Energie nötig ist, damit der nächste Sprung aus dem vorherigen entsteht. Denn irgendwann springt der Pogo selbst. Oder eben nicht.

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