Von KWS, Karla-Wagner-Stiftung, KWS History93 Views
#KWS #History: #Stadtgeschichte #Gütersloh – »Angriff auf die City?« – die #Gazit #Wellerdiek #Debatte (2008)
#Gütersloh, Mai 2008
Die geplante Shopping Mall des israelischen Investors #Gazit auf dem Wellerdiek Gelände bestimmt zur Zeit die aktuelle Diskussion in Gütersloh. In vielen Städten sind diese neuen Center bereits eingeweiht, in anderen Städten werden sie geplant oder gebaut. Und darüber wird nun auch heftig in unserer Stadt gestritten und diskutiert. Wie die Lemminge pilgern Jahr für Jahr viele Millionen Menschen zu den Malls auf der grünen Wiese. Doch derartige Einkaufszentren außerhalb der Innenstädte auf einer grünen #Wiese – diese Entwicklung gehört der Vergangenheit an. Denn die neuen Konzepte mit Rundum Versorgung für alle Bedürfnisse eröffnen mittlerweile in den Städten in zentralen Lagen. Sie verändern in vielen Fällen intakte Strukturen der Innenstädte, aber auch die Begriffe von dem, was überhaupt städtisch sei: Die Begriffe Urbanität und Stadtkultur sind seit einiger Zeit in der städtebaulichen und stadtpolitischen Diskussion.
Wer sich mit dem Phänomen der zur Zeit aus dem Boden schießenden innerstädtischen Einkaufszentren befassen möchte, dem sei das Sachbuch »Angriff auf die City« empfohlen. Zwar bereits im Jahr 2006 erschienen, hat es aber nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Gerade vor dem Hintergrund der Diskussion um das Wellerdiek Areal ist eine Lektüre für diejenigen von Interesse, die sich mit dem Thema differenziert auseinandersetzen wollen. In dieser Sammlung kritischer Texte zu Konzeption, Planung und Wirkung von integrierten und nicht integrierten Shopping Centern in zentralen Lagen kommen #Architekturkritiker, #Stadtsoziologen, #Stadtplaner, #Geografen, #Consulter, #Makler und #Betreiber von #Einkaufszentren zu Wort. Sie beleuchten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. Doch nicht nur in Gütersloh sind die Auswirkungen des geplanten Einkaufszentrums auf die Innenstadt ein Thema. Immer wieder berichten Medien deutschlandweit über geplante innerstädtische Einkaufszentren. Mit dem Buch »Angriff auf die City« wurde eine öffentliche Diskussion angestoßen, es hat einen Nerv getroffen: eine starke Medienpräsenz, gerichtliches Vorgehen der Center Betreiber und die hohe Nachfrage zeigen, wie interessant dieses Buch ist.
Ein Mitherausgeber, der #Architekt Walter Brune, der Erfahrung mit entsprechenden Einkaufszentren hat, schreibt: »Auch die Investoren, die euphorisch erklären, sie wollten mit ihren Projekten die Innenstädte beleben, sind Pharisäer, die in Wirklichkeit genau das Gegenteil des Gesagten verursachen, und sie wissen dies. Um ihre Konzerne immer größer wachsen zu lassen, werden die Zentren der Innenstädte skrupellos von guten Einzelhandelsgeschäften leergefegt.« Architekt und Publizist Gert Kähler geht sogar noch weiter: Durch solche Themenparks à la Disney gäbe es quasi private künstliche Städte, Kulissen einer Konsumwelt, neben der das Öffentliche, das »Nebeneinander des Verschiedenen« der Städte unterzugehen drohe: »Was dabei verloren geht, ist das Öffentliche, das gleichberechtigte Nebeneinander des Verschiedenen. Gerade heute bietet sich unter dem Sparzwang die kaum noch umkehrbare Chance für Kommunen und private Investoren, die Stadt zu verändern – hin zu einem gebauten Rahmen für die Zweidrittelgesellschaft, weg von einer Urbanität, die tendenziell alle Bürger einbezieht.«
as broschierte Buch schränkt seine Sichtweise nicht nur auf das Pro und Contra moderner Shoppingcenter in den Innenstädten ein. Die verschiedenen Aufsätze drehen sich auch um die Konzeption, Planung und Wirkung von Malls in Innenstadtlagen: Sie gehen Fragen auf den Grund, wie man mit den neuen Entwicklungen in den Innenstädten umgehen soll. Daher richtet sich das Buch an interessierte Laien, aber auch fachkundige Leser, zum Beispiel Stadtplaner, Architekten oder Entwickler von Einkaufzentren. Die Sicht der Wirtschaft und das Interesse der Investoren wird in dem Buch ebenso diskutiert wie Fragen nach der Rolle des Gutachters bei der Centerentwicklung. Beispiele aus anderen Städten geben nicht nur Einblick in aktuell anhaltende Debatten der jeweiligen Städteplanung, sondern können auch für Gütersloh interessant sein, wo sich Bürger mit Stadtplanung auseinandersetzen müssen. Denn es geht, so der Architekt Holger Pump Uhlmann, um die Frage, was Stadt heute sein kann und morgen sein soll: »Das idealisierte Geflecht anonymer Individuen, die gesittet miteinander umgehen zwischen #Wohnen, #Arbeit, #Verkauf, #Kultur und #Verkehr? Oder die mittelschichtorientierte, auf Verkauf und Event ausgerichtete Stadtform, aus der Wohnen und Arbeiten weitgehend verdrängt sind?«
Wie wirkt sich ein großes Einkaufszentrum auf dem Wellerdiek Areal auf den Einzelhandel in der unmittelbar benachbarten Innenstadt aus, welche Potenziale gibt es noch für Neuansiedlungen und wo sollten sie umgesetzt werden? Diese Fragen will die Stadt Gütersloh kurzfristig durch einen unabhängigen Gutachter klären lassen. Der Einzelhandel hat dagegen bereits »äußersten Widerstand angekündigt«. Bürgermeisterin Unger betont, die Stadt werde jetzt intensiv die Voraussetzungen prüfen lassen. Man nehme die Kritik des Gütersloher Einzelhandels sehr ernst und werde sie in diese Prüfung natürlich mit einbeziehen. Stadtbaurat Josef E. Löhr sieht in dem zur Zeit in Arbeit befindlichen Zentrenkonzept, das unter anderem die zukünftige Entwicklung an Einzelhandelsflächen in der Stadt und in den Ortsteilen definieren soll, einen guten Ausgangspunkt für die konkrete Prüfung, »wie viel und welche Einzelhandelsflächen die Innenstadt noch vertragen kann.«
Auf die Frage nach der Rolle der Stadt in diesem Zusammenhang erklärt Eckhard Brockhoff, selbständiger Immobilienmakler, in »Angriff auf die City: »Viele der Center sind entstanden, weil Marktforscher der jeweiligen Stadtspitze und den häufig recht unbedarften Ratsleuten unrealistische Umsatzzahlen für den Einzelhandel prognostizierten. Einige der Verantwortlichen aus #Verwaltung und #Politik haben sich durch Bildungsreisen zu anderen, von den jeweiligen Entwicklern errichteten Einkaufszentren davon überzeugen lassen, auch innerhalb ihrer Stadt ein Shopping Center zuzulassen. Heute wünscht sich ein nicht unerheblicher Teil dieser damaligen Entscheidungsträger, dass sie nie an solchen Entscheidungen mitgewirkt hätten. Die meisten Stadträte oder Planungsdezernenten haben inzwischen erkannt, dass ein nicht integriertes Einkaufszentrum der Innenstadtentwicklung nachhaltig schaden kann.«
Mitherausgeber Walter Brune beschreibt auch in seiner Textsammlung, dass Einkaufscenter in den Innenstädten Vorteile haben können. Hochqualifiziertes Management sorgt für ein ausgefeiltes Sortiment und einen interessanten Branchenmix. Darüber hinaus haben die Shopping Center ausreichend Parkplätze, damit die Kunden bequem in die Häuser kommen. Und die Betreiber argumentieren, dass sie mit ihren Immobilien Kunden in die Städte locken … Projektentwickler hätten ihre Methoden offenbar perfektioniert, sich Gehör in den Städten zu verschaffen. In Münster sei der Stadt, so Brune, ein #Fußballstadion geboten worden, in Detmold habe man den Veranwortlichen die Beteiligung an städischen Immobilien angeboten. Gelegentlich übernehmen die Centerbetreiber auch die Bezahlung der neutralen Gutachter …
Das grundsätzliche Problem der Einkaufszentren aus Sicht der Herausgeber der Buches »Angriff auf die City«: Schlecht an die klassischen Laufwege der Kundschaft orientierte und zugleich überdimensionierte Einkaufszentren saugen Kaufkraft ab und lassen die restlichen #Straßen und #Fußgängerzonen veröden. Ein neues Center kann für eine Innenstadt aber durchaus auch Chancen bieten. Es ist jedoch nur sinnvoll, Projekte zuzulassen, die wirklich zu einer Aufwertung und Bereicherung des klassischen, inhabergeführten Einzelhandels führen. Diese Malls haben vielleicht die Möglichkeit, das zu präsentieren, was die City nicht hat: großflächige Geschäfte, viele Parkplätze und attraktive Gastronomie. Gastronomie sei ein ganz wesentlicher Standortfaktor für Innenstädte und gut geführte Einkaufszentren. Dazu erläutert Eckhard Brockhoff in »Angriff auf die City«: »#Gastronomie erhöht die Verweildauer und damit auch den Umsatz. Städte wie #Münster, #Freiburg, aber auch #Hameln, #Lüneburg und #Celle sind es, die nicht nur in den 1b , sondern auch in den 1a Lagen über ausreichend Cafés und Restaurants verfügen, welche das urbane Flair einer solchen Stadt ganz wesentlich ausmachen. In den Großstädten sind die Eigentümer von bestehenden #Einzelhandelsimmobilien häufig nicht daran interessiert, den Mietermix und Branchenmix der Einkaufszone mitzugestalten. Sie achten meist nur auf einen möglichst hohen Profit bei der Vermietung und vermieten lieber an den 10. #Modeladen oder #Schuladen als an ein #Café. Von daher ist es sehr schwer, in den Innenstädten einen vernünftigen Mietermix und Branchenmix zu strukturieren, in einem Shopping Center fällt dies durch die obengenannte Quersubentionierung viel leichter.«
In ihrem Schlusswort empfehlen die Herausgeber Walter Brune, Rolf Junker und Holger Pump Uhlmann den Entscheidungsträgern in den Städten, »die vielerorts notwendige und wünschenswerte Ansiedlung eines Centers sorgfältiger als bisher zu prüfen«. Darüber hinaus »stelle sich die Frage nach der Zukunft der historisch gewachsenen #mitteleuropäischen #Innenstadt: Stellt ihre Erhaltung per se einen gewachsenen Wert dar, oder wird eine durch innerstädtische Einkaufscenter ausgelöste massive Umstrukturierung mit allen Folgen toleriert?«
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